Die Veränderungen der Schule durch die Digitalisierung sind tiefgreifend. Die Delokalisierung von Bildungsprozessen wird zunehmen – aber es wird weiterhin Schulgebäude als definierte Orte für das Aufwachsen von Kindern geben müssen. Das hat die Corona-Krise im Jahr 2020 überdeutlich gezeigt.
Lernen braucht Beziehung. Lernen ist zwar ein individueller Prozess – gleichwohl bleibt es angewiesen auf Austausch und Gespräch, auf Lob und nicht beschämende Kritik, auf Konfrontation mit anderen Sichtweisen. Dafür braucht es Kontakt – Altersgenossen zur Begegnung auf Augenhöhe, Erwachsene als Anreger, Vorbilder, Korrektiv. Als Baustein für das E-Learning wurde der unterrichtsmethodische Ansatz »Flipped Classroom« entwickelt. Er ordnet die vier Unterrichtselemente – Instruktion, Übung, Transfer, Kritik – neu. Früher war Instruktion an den physischen Ort Schule gebunden, Übung und Anwendung an die Zeit zu Hause. Jetzt dreht sich das Verhältnis: Theoretische Inhalte lassen sich (in Grenzen) mithilfe von Video, Lernprogramm und Buch auch allein einprägen – z. B. zu Hause. Transfer und Kritik dagegen brauchen Rückfrage, Anregung, Weiterentwicklung in der Gruppe – in der Schule.
Schule muss »Fach- und Methodenkompetenz« und »Selbst- und Sozialkompetenz« vermitteln. Sozialkompetenz lässt sich nicht über Gaming erwerben. Respekt und Toleranz wird im täglichen persönlichen Umgang gelernt. Handlungsfelder wie Klassenrat und Schülerparlament sind Schlüssel der Demokratieerziehung. Computer können die Erfahrung gelingender Kooperation zwischen Menschen, die aufeinander angewiesen sind, unterstützen – aber nicht ersetzen.
Kinder brauchen einen geschützten Ort zum Aufwachsen. Eine vollständige Abschottung ist zwar eine Illusion und würde Probleme verschärfen, wenn der Schutzraum verlassen wird. Stattdessen müssen Grenzen stufenweise durchlässiger werden. Angesichts der Lebensverhältnisse unserer Städte, des Wandels von Arbeitswelt und Familie hat das Schul-Gebäude bis zum Ende der Pubertät aber eine notwendige Schutzfunktion.
Schule muss die Eigenkräfte der Kinder stärken. Schule muss vor und mit der Nutzung der perfekten Werkzeuge die Gestaltungskraft der eigenen Sinne, der eigenen Hände, des eigenen Körpers stärken. Theaterspielen und Tanzen, Singen und Gestalten, Konstruieren und Bauen müssen in vielerlei Varianten zum Hauptfach werden – im gemeinsamen »Tun«, nicht im »Darüber-Reden«. Angesichts der Beschleunigung, die die Digitalisierung ermöglicht, muss die Schule zu einem Ort werden, der systematisch verlangsamt und den eigenen Sinneseindrücken Zeit gibt.