Das Heiz- und Temperierungssystem war in Weimar kein Thema der Phase Null. Relevant für die Vorplanung ist die Forderung, Lerncluster mit direktem Außenbezug umzusetzen.
Ein hoher wärmetechnischer Standard sowie die Implementierung hocheffizienter haustechnischer Systeme galt in den letzten drei Jahrzehnten als Antwort auf die Herausforderungen des Klimaschutzes. Die gesetzlichen Vorgaben der EnEV (jetzt GEG) und der Passivhausstandard betrachten dabei vor allem den absoluten Heizwärmebedarf eines Gebäudes. Mittlerweile ist die alleinige Fokussierung auf den Heizwärmebedarf als Kenngröße für klimabewusstes Bauen insbesondere im Schulbau zu hinterfragen.
Wegen der gesetzlichen Anforderungen an die Effizienz der Fassaden fällt der Heizwärmebedarf in der Bilanz sehr gering aus und wird durch die internen Energiegewinne der Schülerinnen und Schüler in Neubauten nahezu ausgeglichen.
Die Notwendigkeit für hochtechnisierte Temperierungssysteme beruht auf veralteten Baustandards, die bis heute die Grundlage statischer Berechnungen von geltenden Energiestandards bilden. Dabei geht man von Spitzenlasten aus, die bei dynamischer Berechnung völlig andere Ergebnisse liefern. Angenommene Worst-Case-Szenarien tauchen nur äußerst selten bzw. gar nicht auf. Bei der Dimensionierung von Heizanlagen muss daher auch die Frage der zumutbaren Szenarien neu betrachtet werden.
Mit zunehmender Komplexität der technischen Systeme für Monitoring und Steuerung und der damit einhergehenden Fehleranfälligkeit verlieren die Gebäude ihre Robustheit gegenüber unsicheren Randbedingen wie Systemausfall, Fehlverhalten der Nutzer oder Klimaveränderungen. Weil die Systeme selbst nicht besonders langlebig sind, steht der finanzielle Aufwand in keinem sinnvollen Verhältnis zum energetischen Nutzen.
Wegen der geringen Unterschiede zwischen Oberflächentemperatur von Flächenheizungen und Raumtemperatur leisten die durch die EnEv / GEG geforderte Einzelraumregelungen keinen nachvollziehbaren Beitrag zum Energiesparen und entspricht auch nicht der Nutzungsflexibilität offener Schulraumkonzepte.
EnEV / GEG Ziele sind vor allem auf den winterlichen Wärmeschutz abgestimmt, in der Realität der Schule ist jedoch vor allem der sommerliche Wärmeschutz relevant. Das gilt besonders für Ganztagsschulen, weil sich Gebäude zum Nachmittag hin besonders aufheizen.
↗siehe auch: "Warum Lüftungsanlagen kaum zum Klimaschutz beitragen" im Kapitel Lüftung
Verbesserte Qualitäten der Baukonstruktion könnten die technischen Anlagen vereinfachen, fließen aber auf Grundlage der Normen und Vorschriften noch nicht ausreichend in die Gesamtbetrachtung ein. Die Schule in Weimar erfüllt die zum Zeitpunkt der Planung gültige EneV 2016, auch GEG (2020) wird eingehalten. Das Klimakonzept ist jedoch vor allem darauf ausgelegt, im Betrieb Kosten zu reduzieren.
Der sommerliche Wärmeschutz nach EnEV (jetzt GEG) ist als Simulation verschiedener Komponenten nachzuweisen, muss aber auch im Alltag des Schulbetriebes gut funktionieren. In Weimar können Wärmeüberschüsse durch eine Nachtauskühlung mit manuell zu öffnenden Kipp-Oberlichtern abgetragen werden. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die Verantwortlichkeit für eine Nachtauskühlung von Hand von den Nutzerinnen und Nutzern nur schwierig zu organisieren ist. Daher wird die Nachtauskühlung über die Oberlichter zwar für die Kalkulation nach EnEV angesetzt, für die verlässliche Temperierung des Gebäudes steht aber noch ein anderes System zur Verfügung. Die Wärmepumpe des Heizsystems kann im Sommer über die Fußböden auch Wärmelasten abtragen. Dieser Aspekt kann nicht in der EnEV berücksichtigt werden, weil die Pumpe Strom verbraucht. In diesem Fall wird der benötigte Strom jedoch von der eigenen PV-Anlage produziert und zudem genau dann abgenommen, wenn die Anlage im Sommer durch intensive Sonneneinstrahlung Überschüsse produziert. Das Haus funktioniert in diesem Moment gewissermaßen als Strompuffer.
Die energetische Planung folgt der Zielsetzung, so wenig Technik wie möglich einzusetzen. Dabei geht es nicht darum, Technik grundsätzlich zu vermeiden, sondern eine einfache und robuste Lösung zu finden, die nicht nur in der Simulation funktioniert, sondern mit der Realität des Schulbetriebes zusammenpasst. Es soll vermieden werden, dass eine Schule viel Geld für den Einbau einer hocheffizienten haustechnischen Anlage investiert, die aber kaum einen sinnvollen Beitrag für den Klimaschutz leistet und die Schule mit einem erhöhten Wartungsaufwand allein lässt, z. B., indem sie lange auf technische Hilfe warten muss, weil eine Regelungstechnik unzureichend eingestellt ist. Daher wird in Weimar auf den Einsatz raumlufttechnischer Anlagen weitgehend verzichtet. Die Belüftung des Gebäudes fordert dadurch mehr Eigenverantwortung ein, lässt aber auch mehr Nutzungsflexibilität zu.
Aufgrund der schlanken technischen Ausstattung betragen die Kosten der Technischen Anlagen (KG 400 = 1.987.850 € netto) nur etwa 23 % der Kosten des Bauwerkes (KG 300 + 400 = 8.326.892 € netto). In der KG 400 sind die PV-Anlage für die drei Häuser und die Küchenlüftung im Gemeinschaftshaus enthalten – das ist bei dem Vergleich mit den BKI-Werten für Schulbau zu berücksichtigen.
Die Voraussetzung für ein technisch einfaches Temperierungskonzept leistet eine gut gedämmte Gebäudehülle. In der Realität des Schulalltags haben daher interne Wärmegewinne der Schülerinnen und Schüler sowie die Speichermassen des Gebäudes umso höhere Auswirkungen auf den tatsächlichen Gesamtwärmebedarf eines Gebäudes.
Die Auslegung des Heizsystems basiert in diesem Projekt daher auf der Basis dynamischer Berechnungsmodelle, damit diese Faktoren – anders als die statischen Berechnungsmodelle der EnEV / GEG – berücksichtigt werden können.
Die geringen Transmissionswärmeverluste durch die Fassade können über die internen Energiegewinne der Nutzerinnen und Nutzer fast vollständig kompensiert werden. Für die Qualität der Fassade wird ein Standard im oberen Bereich der gesetzlichen Vorgaben gewählt. Es kommen grundsätzlich Fenster mit Dreischeibenverglasung zum Einsatz. Die hohe energetische Qualität der Fensterdämmung beugt außerdem Kaltluftabfällen an der Fassade vor und erhöht somit die Behaglichkeit der Lerncluster im Winter. Das Heizsystem dient lediglich dem Spitzenlastfall in den frühen Morgen[1]stunden nach einer besonders kalten Winternacht oder nach einem kalten Wochenende. Sobald der Schulbetrieb läuft, sind die internen Gewinne auch an kalten Tagen so hoch, dass sie teilweise sogar wieder abgetragen werden müssen. Dadurch kann die Wärmeanlage kleiner dimensioniert werden als bei konventioneller statischer Berechnungsweise. Investitionskosten und Betriebskosten werden reduziert.
Jahresheizstunden
↗ SOS WEI LPH3 CO₂ Simulation Lernloft
Entgegen dieser Berechnung hat die Stadt in der LPH5 dennoch eine konventionelle Berechnung des Wärmebedarfes mit mehr Sicherheiten für notwendig befunden. Für das Gemeinschaftshaus, das wegen der Küche einen höheren Bedarf an Warmwassererzeugung hat, wurde eine zweite Wärmepumpe vorgesehen.
In der Grundrissentwicklung können Kosten gespart werden, wenn Flächen bezüglich ihrer Ansprüche an Temperierung differenziert betrachtet werden. Reine Erschließungs-Treppenräume, Lager- und Technikräume haben andere Ansprüche an die Behaglichkeit als pädagogische Programmflächen. In Weimar werden Flächen mit geringerem Wärmebedarf zu einer kompakten Funktionsschicht zusammengelegt und zum Teil ohne eigene Wärmequelle ausgestattet. Diese Funktionsschicht bildet zusammen eine klimatische Pufferzone zu den Lernlofts. Die gesamte vertikale Erschließung wird in den Außenraum verlegt und damit aus den temperierten Flächen ausgeklammert. So können auch langfristig Betriebskosten niedrig gehalten werden.
Während flächige Systeme in der Vergangenheit bei hohen Heizlasten mit hohen Vorläufen zu unbehaglichen Oberflächentemperaturen führten, können dieselben Systeme bei heutigen Baustandards durch geringe Temperaturunterschiede von nur 2 – 3 Kelvin gegenüber der Raumtemperatur sehr behagliche Verhältnisse schaffen. Diese sind außerdem in der Lage, bei steigenden Raumtemperaturen Spitzenlasten aufzunehmen, indem die Oberflächentemperaturen unter die Raumtemperatur fallen und das System die Lasten abträgt.
Ein weiteres Potenzial der Flächenheizung mit niedrigen Vorläufen liegt in der Vereinfachung der Regelung. Während in der Vergangenheit bei hohen Raumtemperaturunterschieden im Gebäude die Einzelraumregelung einen Beitrag für Einsparungen boten, kann inzwischen auf kleinteilige Regelkreise und -strategien verzichtet werden. Dies vereinfacht den Gebäudebetreib und erhöht das Potenzial für die flexible Flächennutzung von Lernfeldern. Die Heizkreise der Lerncluster orientieren sich daher am Großraum – räumliche Abtrennungen innerhalb des Clusters sind ohne Berücksichtigung der Heiz- und Regelkreise möglich. Entgegen der Konzeption in der LPH 3 wurden in der LPH 5 die Regelkreise auf die momentane Raumaufteilung ausgerichtet, was jedoch der Idee der Wandelbarkeit der Lernlofts widerspricht.
Ein besonderes Ziel der Planung ist es, die Flächen für Technik möglichst gering zu halten. Das gelingt – neben der allgemeinen Reduzierung von technischen Systemen – mit kurzen Weglängen und der Bündelung von technischen Anlagen zu kompakten Strukturen im Grundriss.
Fossile Energieträger sind grundsätzlich zu vermeiden. Investitionen im Schulbau sollten ein Vorbild dafür sein, wie die internationalen Klimaziele bis 2040 umgesetzt werden können. Für die Schule in Weimar wird ein Flächensystem in Kombination mit Umweltenergie gewählt, welches auch im Sommer zur Temperierung genutzt werden kann (reversible Wärmepumpe).
Sommerliche Wärmelasten sind eine große Herausforderung im Schulbau. Eine aktive Klimatisierung ist nicht nur aus energetischen Gründen zu vermeiden, sie würde es der Schule unmöglich machen, durch geöffnete Fassaden den Außenraum mit einzubeziehen. Wesentlich für die Vermeidung von Wärmelasten ist eine gute Verschattung der Fassaden. Damit bleiben sie auch im Sommer als pädagogische Fläche ganztägig erhalten. Automatisch betriebene Schattenelemente und Nachtlüftungsflügel sind jedoch problematisch, weil sie fehler- und wartungsanfällig sind. Für ein manuell betriebenes System dagegen fehlen häufig klare Zuständigkeiten und wird dann – vor allem am Wochenende – nicht ausreichend umgesetzt.
In Weimar werden bewegliche und motorisierte Verschattungselemente daher ganz vermieden. Die Verschattung erfolgt rein baulich durch die umlaufenden Balkone. Damit wird auch vermieden, dass eine im Bedarfsfall hinzugezogene Verschattung dann zu einer Verdunkelung der Clusterfläche führt.
Der Wärmeschutz nach EnEV erfolgt durch das Zusammenspiel von Komponenten, die zumeist schon aus anderen Gründen Bestandteil der Planung sind. Neben den Balkonen sind das: die thermische Masse der Estrichböden, die Dreifachverglasung mit geringem Energiedurchlassgrad (Teil des Dämmkonzeptes), die Nachtauskühlung über Kipp-Oberlichter (Teil des Lüftungskonzeptes) sowie innen liegende Vorhänge (werden auch als Blendschutz und zur Verdunkelung der Lernflächen benötigt).
Jedes Projekt ist anders. Dafür sind die Fragen, die zu einer Entwurfsentscheidung führen, überall gleich. Die 26 Themen im Planungswissen beantworten diese Fragen: im Text entlang der folgenden Kriterien, im Bild in den anschließenden Isometrien.
Was ist die allgemeine Herausforderung bei diesem Thema – unabhängig vom aktuellen Pilotprojekt?
Kommunen müssen beim Bau von Schulen dringend auf neue pädagogische und organisatorische Anforderungen reagieren. Dabei gibt es bestimmte Herausforderungen, die standortübergreifend in der Planung zu lösen sind.
Welche Anforderungen an die Planung aus der Phase Null liegen den Entscheidungen im Pilotprojekt zugrunde?
In der Phase Null werden die Voraussetzungen und Bedarfe ermittelt, die sich aus dem Standort und dem Programm der jeweiligen Schule ergeben. Die Empfehlungen aus der Phase Null sind die Basis für den späteren Entwurf.
Welche Rahmenbedingungen aus Gesetzen und Normen gelten für das Projekt und wie werden sie angewandt und umgesetzt?
Viele geltende Richtlinien und Normen sind überholt. In jedem Projekt ist zu prüfen, wie vorhandene Vorgaben zu interpretieren und ggf. auch Ausnahmen durchsetzbar sind.
Wie werden spezifische Anforderungen im Projekt wirtschaftlich und nachhaltig gelöst?
Kosteneffizienz ist für jeden Schulbau ein wichtiges Ziel. Dabei gibt es viele Wege, um Wirtschaftlichkeit im Projekt und entlang der Anforderungen zu realisieren.
Welche ästhetischen, kulturellen und gestalterischen Aspekte prägen das Konzept?
Jede Schule ist ein kulturell und ästhetisch prägender Ort. Deshalb ist Gestaltung eine zentrale Qualität im Schulbau. Sie beeinflusst Wohlbefinden, Leistung und Verhalten und sagt viel über die Wertschätzung von Schule und Bildung in unserer Gesellschaft.
Welche Beispiele und Assoziationen aus anderen Projekten waren im Prozess anregend?
Auch wenn Innovation im Schulbau immer noch eine Herausforderung ist – interessante Vorbilder und Referenzen für Teillösungen gibt es überall. Wir nennen nur eine kleine Auswahl, die im Prozess tatsächlich eine Rolle gespielt hat. Ein Blick in die Geschichte und Gegenwart der Architektur von Schulen lohnt sich für jedes einzelne Projekt.